wie beschafft
man wörter, deren beschaffenheit nicht bekannt ist?
fragt der 1926 in Frankfurt a.M. geborene Künstler
Franz Mon in seinem Text: die „beschaffenheit von wörtern“
(1973).
Franz Mons Arbeiten werden der „Konkreten
Poesie“ zugeordnet, womit man eine Kunstrichtung zu umfassen versucht,
die eine vitale Verbindung zwischen dem Wort und seiner
schriftsprachlichen Erscheinungsform, der Typografie, sieht.
Dementsprechend setzen sich seine Gedichte oft aus
räumlich angeordneten Buchstaben zusammen, die nicht immer auch zu
ganzen Wörtern nebeneinandergestellt werden können. Die Texte
erscheinen häufig extrem reduziert, was verstehbar wird, wenn man sich
Mons Postulat vor Augen hält: es kommt nicht auf die menge der inhalte an sondern auf das verhältnis
von zeichenaufwand und realisierbaren beziehungen.
Was aber meint Franz Mon mit dem abstrakten
Ausdruck „zeichenaufwand“? Dies wird beim Eintreten in den
Wortgarten kinderleicht erfahrbar und zunächst ganz konkret als der
Energieaufwand verstanden, den es bereitet, eine schwere Holzskulptur zu
finden und herbei zu tragen: "Wo fasse ich sie am besten an, und schaffe
ich das allein, oder brauche ich vielleicht Hilfe? Ich könnte mir einen
Splitter holen, oder der Buchstabe fällt mir auf den Fuß..."
Umgang mit Sprache birgt
Risiken, wird gewichtig und als solches körperlich erfahrbar. Worte werden nicht
mehr leichtfertig verwendet und wieder abgetan. Mit einem Male sind alle
Sinne am Spiel beteiligt und der ganze Mensch textet.
In der Skulpturengruppe der Schriftkünstlerin
Tanja Leonhardt besitzt KultA e.V. ein ästhetisches Instrument um sich
ganz im Sinne Franz Mons wörter
zu beschaffen –eine
„wörterbeschaffungsmaschine“.Oder auch ein „reduzierinstrument“, durch dessen Membranen vergnügt
die Inhalte diffundieren.
Im Nachmittagsworkshop zum Tag der Hessischen
Literatur will KultA e.V. gemeinsam mit einer Schülergruppe im Sinne
Franz Mons Buchstabenbilder schaffen, die von Zeichenbeziehungen
erzählen. Der Dichter selbst wird die Schüler zuvor mit seinem Werk
und seinem speziellen Umgang mit Sprache vertraut machen. (siehe unten)
Der Denkansatz
„Konkreter/Visueller Poesie“ und ihre Wurzeln im Dada werden den Schülern
bei einer Einführung mit Tanja Leonhardt im Offenbacher Klingspor-Museum nahe gebracht. Museumsleiter Stefan Soltek
öffnet schließlich das Archiv für die Schüler und zeigt ausgewählte
Beispiele konkreter Poesie. Unterstütz und begleitet durch Mitglieder des Vereins KultA e.V.
wird das
Tun der Schüler sanft in vielversprechende Richtungen gelenkt, wenn das eigene Schaffen im Hof des Büsing-Palais mit der
Skulpturengruppe beginnt. Wichtig: Prozesse und Ergebnisse werden
fotografisch und filmisch dokumentiert und später ausgestellt.
wie beschafft
man wörter, deren beschaffenheit nicht bekannt ist? Eine Antwort
finden wir vielleicht im Buchstabenpark.
„unaufhörlich
geraten Wörter aus ihrem Zusammenhang, verlieren den halt, den ihnen
die brauchbarkeit gegeben hatte, purzeln uns zwischen die fuße und
verschwinden zwischen erinnerungen, die niemand mehr hat. die masse des
unbrauchbaren nimmt rapide zu ... besät von gebrauchsspuren, die sich
manchmal entziffern lassen, oft aber undeutlich sind und bereits die
gestalt des dings verformt, wenn nicht versteckt haben, diese in unserer
Zivilisation ständig anfallenden Sachen, die mir ins äuge fallen, weil
sie aus ihrem Verwendungszusammenhang herausgefallen sind, erscheinen
mir nicht als bilder sondern als eine art von gedichten, die sich in
sehr großer entfernung befinden und daher nur mehr sichtbar jedoch
nicht hörbar oder lesbar sind".Franz
Mon
Video
zu "ainmal nur das alphabet gebrauchen"
Am 28. April arbeiteten die Schüler des Literaturkurses
der Rudolf-Koch-Schule mit Franz Mon im Wortgarten:
Leider spielte das Wetter nicht so ganz mit, beim Spiel
mit den Lettern vergaßen alle Beteiligten jedoch schnell den launischen
April. Der Hintergrund mit Blümchen war den Wortschaffenden nicht sehr
angenehm. Daher zog man bald auf die Treppen des Büsing-Palais um.
Franz Mon macht die Schüler auf Raumforderungen,
Zeichenabstände, Zeichenbeziehungen aufmerksam.
Klicken Sie hier um Videos zusehen, die auf Anregung von
Franz Mon hin entstanden sind:
Genaues Hinsehen - Franz Mon erkennt und analysiert
die Situationen mit treffsicherem Gespür. Die Schüler folgen
seinen Anregungen und Einwänden, da der Autor gut erklärt und
überzeugende Begründungen liefert.
Franz Mon macht die Schüler u.a. darauf aufmerksam, dass sie im
Wortgarten als Team agieren und sich absprechen müssen.
Im theoretischen Unterricht lernten die Schüler zunächst
etwas über Alphabetgedichte. Dies sind Wortabfolgen, die mit ihren
Anfangsbuchstaben dem ABC folgen. Demgemäss nahm sich die Gruppe als
Probearbeit ein Alphabetgedicht vor. Das erste Wort - angeregt durch
Franz Mon - lautete "ABRAHAM". Wobei sein Augenmerk auf
Wortklang, -länge und Buchstabenpräsenz lag.
wir blieben im Alten Testament: aus ABRAHAM wird BABYLON -
Kritische Betrachtung aus der Ferne
Umbau
nach CAESAR folgte ESTHER
die
beschaffenheit von wörtern
(8 von insges. 29
Fragen von Franz Mon)
1
wie beschaffen müssen wörter sein?
2
müssen wörter beschaffbar sein?
3
wie beschaffen müssen wörter sein, damit man sie beschaffen
kann?
4
wie beschafft man wörter, deren beschaffenheit nicht bekannt ist?
5
wie lassen sich wörter beschaffen, die sich noch nie haben beschaffen
lassen?
6
worin besteht die beschaffenheit eines wortes, das noch nie beschafft
werden konnte?
22
lohnt sich die anschaffung von wörtern, deren beschaffenheit ganz genau
bekannt ist?
27
wie beschaffen muß ein wort sein, das seiner abschaffung denselben
widerstand entgegen setzt wie seiner anschaffung?
Franz Mon hat mit seiner außerordentlichen Präsenz
und der Klarheit seiner Gedanken die KultA-Mitglieder tief beeindruckt.